Folgende Szene ist keine Erfindung: Pressevorführung von „Mary Shelley’s Frankenstein“ im Jahr 1994 in München. Der starbesetzte Kinofilm mit Robert de Niro als Kreatur und Regisseur Kenneth Branagh als Victor Frankenstein hält sich – so ziemlich als einziger – an die historische Romanvorlage. Und so passiert es, dass der junge Frankenstein im Film ausruft, dass er nach Ingolstadt geht – und im Kino herrscht Gelächter. Da hat wohl die Mehrzahl der anwesenden Pressevertreter den Roman so ganz und gar nicht gelesen. Ingolstadt wird im Zusammenhang mir einer der berühmtesten Science-Fiction-Schauer-Geschichten der Weltliteratur grundsätzlich ignoriert. Von Hollywood bis zum Feuilleton.
„Als ich siebzehn Jahre alt geworden war, beschlossen meine Eltern, mich auf die Universität Ingolstadt zu schicken“. So beginnt das dritte Kapitel von Mary Shelleys „Frankenstein – Oder der moderne Prometheus“ aus dem Jahr 1818. Warum Ingolstadt, wenn die Autorin selbst nie hier gewesen ist?

Ein Abguss der Totenmaske von Adam Weishaupt im Ingolstädter Stadtmuseum
Die Universität war zu dieser Zeit bereits über den Umweg Landshut nach München „abgewandert“, aber ihr Ruf und das „mysteriöse Image“ der Stadt der Illuminaten machten Ingolstadt wohl zu einem idealen „Austragungsort“ für die Geschichte. Der Geheimbund der Illuminaten, der 1776 von dem Ingolstädter Kirchenrechtsprofessor Adam Weishaupt gegründet wurde, war in den Kreisen der englischen Autorin wohl bekannt. An der Universität in Ingolstadt trafen Naturwissenschaften, Medizin und Geheimlehren aufeinander – die perfekte Mischung für die Geschichte um einen Wissenschaftler, der sich anmaßt, Gott zu spielen.
Den Namen Frankenstein fand Mary Shelley womöglich während ihrer Deutschlandreise 1814. Am Rhein kamen sie an der sagenumwobenen Burg Frankenstein vorbei, in der der der Alchemist, Arzt und Theologe Johann Konrad Dippel mit Lebenselixieren experimentiert haben soll. Diese Theorie kann allerdings nicht belegt werden – ebenso wenig wie die Vermutung, der Naturforscher und „Elektrizitäts-Bändiger“ Benjamin Franklin habe sie zu dem Namen ihrer Figur inspiriert.